An English translation of Jim Cloos’ review of “Die Welt von morgen” by Robert Menasse can be found here.
Robert Menasse gilt seit seinem preisgekrönten Roman Die Hauptstadt als einer der prominentesten europäischen Autoren, die sich offen und leidenschaftlich zur Idee eines vereinten Europas bekennen. Mit Die Welt von morgen versucht er, an diesen Erfolg anzuknüpfen – literarisch, essayistisch und politisch zugleich. Herausgekommen ist ein Buch, das sich als „konkrete Utopie einer europäischen Welt von morgen“ versteht, wie es J. Erdmenger in der Zeitschrift der AIACE (Internationale Vereinigung der früheren Europa-Beamten) A PROPOS (Juli–September 2025) lobend formulierte. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Menasses „Utopie“ ist weniger Zukunftsentwurf als Spiegel seiner eigenen Überzeugungen – und diese beruhen auf einem Missverständnis dessen, was Europa heute ist.
Vom Romancier zum Europa-Erklärer
Menasse ist zweifellos ein sprachmächtiger Schriftsteller. Sein früheres Werk über die EU, insbesondere Die Hauptstadt, war witzig und traf einen Nerv. Die Brüsseler Bürokratie erschien dort als eine Mischung aus kafkaeskem Labyrinth und humanistischer Sehnsucht nach Sinn. Doch aus literarischem Erfolg erwächst nicht automatisch politische Expertise. Dass Menasse sich nun als Europas Chronist und Reformator versteht, ist mehr eine Folge seiner Popularität als seiner Kenntnis der europäischen Verträge oder Institutionen.
Die Welt von morgen versucht, den großen Wurf zu landen – nichts Geringeres als eine moralische, politische und kulturelle Vision Europas zu formulieren. Der Autor orientiert sich an Stefan Zweigs humanistischer Idee eines grenzenlosen Europas, an der Vorstellung einer „europäischen Seele“, die über nationale Interessen hinausweist. Das ist ein nobler Anspruch, aber Menasses Umsetzung bleibt unklar und widersprüchlich.
Struktur ohne Struktur
Das Buch besteht aus 38 Abschnitten, die kaum eine innere Logik erkennen lassen. Statt einer stringenten Argumentation bietet Menasse ein Mosaik aus Essays, Aphorismen, Beobachtungen und polemischen Ausrufen. Die Themen reichen von der Kritik am Europäischen Rat über das « Demokratiedefizit » bis zu kulturgeschichtlichen Betrachtungen Mitteleuropas. Doch die Fülle der Schlagworte ersetzt keine Analyse.
Zitate wie „Das schwarze Loch Brüssel“ oder „Verwaltung des Stillstands“ sind Schlagzeilen, nicht Einsichten. Hinter vielen dieser Formulierungen steht ein tiefes Misstrauen gegenüber den Mitgliedstaaten, die Menasse als Bremser der europäischen Einigung begreift. Der Europäische Rat (ER), also die Versammlung der Staats- und Regierungschefs, wird zum Feindbild: „Jeder Plan der Europäischen Kommission, der eine Fortentwicklung der EU wäre, wird durch eine Ratsentscheidung aufgehoben.“
Diese Sichtweise ist einseitig und schlicht falsch. Der EU-Vertrag erkennt ausdrücklich die Rolle des ER als Gestalter der politischen Ausrichtung der EU an. Und ohne den ER wäre die EU nie zu dem geworden, was sie ist: eine demokratische Union demokratischer Staaten, beruhend auf der doppelten demokratischen Legitimität des Rates und des direkt gewählten Europäischen Parlaments. Von wegen Stillstand: diese Union hat Frieden geschaffen, die europäischen Völker näher zusammengebracht, eine eigene Währung geschaffen, eine europäische Bürgerschaft erfunden, den Kontinent vereint und vieles mehr.
Menasse verkennt, dass die EU kein Bundesstaat ist, sondern eine Union souveräner Staaten und Völker – und dass genau dieses Gleichgewicht zwischen nationaler Selbstbestimmung und gemeinschaftlicher Regelsetzung ihr Fundament bildet. Der Föderalismus, den Menasse beschwört, mag eine interessante Perspektive sein, doch er bleibt eine Minderheitsposition in Europa, die nie vertraglich verankert wurde.
Die alte Leier vom „demokratischen Defizit“
Menasse spricht immer wieder von einem „demokratischen Defizit“ Europas. Er versteht nicht, dass auch die Regierungen der Mitgliedstaaten demokratisch legitimiert sind. Er fordert eine « Demokratisierung » der Union, die faktisch auf die Abschaffung der Souveränität der Mitgliedstaaten hinausliefe. Seine Forderung, das „Primat der Kommission über den Rat sicherzustellen, …wie es ja geplant war“, zeugt von einer Missdeutung der europäischen Verfassungslage. Das war es nie. Die Kommission ist kein Exekutivorgan im nationalstaatlichen Sinne, sondern die Hüterin des EU Rechts, die Vorschläge macht und Kompromisse moderiert. Ihre „Vorrangstellung“ wäre keine Demokratisierung, sondern eine Technokratisierung Europas.
Ein zentrales Problem von Menasses Argumentation ist sein Verständnis des Nationalstaats. Er verwechselt diesen mit Nationalismus – eine grobe Vereinfachung. Der Nationalstaat ist nicht per se ein Hindernis für europäische Integration, sondern die historische Grundlage, auf der die EU überhaupt errichtet wurde. Seine Delegitimierung als „Feind Europas“ ist eine Verzerrung der politischen Realität. Diese Forderungen sind weder praktikabel noch wünschenswert. Sie stehen im krassen Gegensatz dessen, was die EU ausmacht. Menasse übersieht, dass die große Rolle, die den Mitgliedstaaten laut den europäischen Verträgen ausdrücklich zukommt. Sie sind nicht bloß Relikte einer vergangenen Ordnung, sondern die Träger demokratischer Legitimation.
Zwischen Klischee und Erkenntnis
Trotz dieser Einseitigkeiten enthält das Buch auch Passagen, die zum Nachdenken anregen. Wenn Menasse etwa die pauschale Verurteilung der Habsburgermonarchie als „Kerker der Nationen“ für absurd erklärt, liegt er richtig. Seine Referenz auf Milan Kunderas berühmten Essay Un Occident kidnappé ist klug gewählt – auch wenn er Kunderas Diagnose einer „Rückkehr Mitteleuropas“ in die westliche Kultur in eigenwilliger Weise uminterpretiert.
Seine Bemerkung, die Osterweiterung sei „in Wahrheit eine Westerweiterung im Osten“ gewesen, zeigt analytische Schärfe: Sie verweist auf das Machtgefälle zwischen alten und neuen Mitgliedstaaten, das bis heute nachwirkt. Ebenso treffend ist die Beobachtung, dass der „Heldenmut der Ukraine den Nationalismus ins Unermessliche steigert“ – eine unbequeme, aber notwendige Erinnerung daran, dass auch moralisch gerechtfertigter Widerstand nationale Mythen befeuern kann.
Doch immer wieder kippt Menasses Einsicht in Polemik. Wenn er die deutsche Wiedervereinigung als „nationale Wiedergeburt“ beschreibt, die „zur AfD geführt“ habe, wirkt das simplifizierend und analytisch schwach. Hier zeigt sich, wie schnell Menasse aus historischen Phänomenen politische Schuldzuweisungen konstruiert.
Gute Absichten, falsche Mittel
Menasse ist kein Zyniker. Sein Buch ist getragen von einem ehrlichen, ja leidenschaftlichen Willen, Europa zu verbessern. Er will keine Revolution, sondern eine Reform, eine moralische Wiedergeburt Europas. Seine Diagnose, dass die Union in vielen Fragen – von der Außenpolitik bis zur Sozialpolitik – blockiert ist, ist nicht falsch. Doch seine Lösungsvorschläge sind widersprüchlich.
Wenn er eine „Harmonisierung der Sozialsysteme“ fordert oder eine „qualifizierte Mehrheitsentscheidung in der Außenpolitik“, bewegt er sich auf dem Boden realer Reformdebatten. Doch indem er gleichzeitig den Nationalstaat delegitimiert, untergräbt er das Vertrauen, auf dem solche Reformen beruhen.
So plädiert Menasse letztlich für eine Art neuen europäischen Nationalismus – einen supranationalen Patriotismus, der die alten Grenzen überwinden soll, dabei aber neue Abgrenzungen schafft. Das ist ein faszinierender, aber gefährlicher Gedanke: eine Utopie, die sich selbst widerspricht.
Zwischen Pathos und Paradox
„Ich bin kein Hellseher, ich sehe schwarz“, schreibt Menasse an einer Stelle – und spricht damit unbeabsichtigt eine Wahrheit aus. Seine „Welt von Morgen“ ist ein Spiegel der Enttäuschung eines Intellektuellen, der Europa liebt, aber seiner Geduld mit der Realität verloren hat. Seine Sprache ist oft pathetisch, seine Argumente apodiktisch.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über Menasse: „Niemand schreibt in der deutschen Gegenwartsliteratur so leidenschaftlich über die EU wie Robert Menasse.“ Das stimmt. Doch Leidenschaft allein ersetzt keine Sachkenntnis. Die Welt von Morgen ist ein Buch voller Engagement, aber auch voller Widersprüche. Es will aufrütteln, doch es verheddert sich in Klischees.
Menasse sieht die EU als Drama zwischen Ideal und Realität – aber er verwechselt seine eigene Vision mit der Wirklichkeit. Wer das Buch liest, sollte es nicht als Analyse nehmen, sondern als literarisches Manifest eines überzeugten Europäers, der an seiner Liebe leidet.
Seine „konkrete Utopie“ bleibt letztlich eine abstrakte Hoffnung: eine Projektion des Wunsches, dass Europa endlich so werde, wie es in den Herzen seiner Idealisten längst ist. „So einfach ist das: warum ist das einfache nicht einfach?“. Ja, warum wohl?
Lesenswert? Ja. Aber nur mit kritischer Distanz – und dem Bewusstsein, dass die Welt von morgen nicht ohne die Welt von heute zu verstehen ist.
